BLÜCHER 26: Kreuzberg in blinder Verdichtung? Stellungnahme zum Ernst-May-Ensembles VON FLORIAN SEIDEL

„Es ist schade, wenn das Land Berlin und der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg es versäumen, dieses Geschenk, ein Alterswerk eines der bedeutendsten deutschen Architekten des 20. Jahrhunderts, angemessen zu schützen. Anfragen des Autors dieser Zeilen an das zuständige Landesdenkmalamt im Jahr 2009, eine Unterschutzstellung zu prüfen, wurden nie beantwortet.

So wird eine unheilvolle Melange aus behördlicher Überlastung, Ignoranz und Gewinnstreben dem einzigen nennenswerten Bau des Architekten Ernst May in Berlin zum Verhängnis. In einigen Jahren schon wird man sich bestürzt fragen, wie so etwas möglich sein konnte.“

Zitat aus einen aktuellen Stellungnahme zur städtebaulichen Bedeutung des Ernst-May-Ensembles VON FLORIAN SEIDEL

Dr.-Ing. Architekt, MBA
Associate Professor, Theory of Architecture
Architecture and Urban Design Program
German University in Cairo – GUC
Autor von u.a.:
Ernst May: Städtebau und Architektur in den Jahren 1954-1970, München 2008

An der Blücherstraße in Berlin-Kreuzberg, auf halbem Wege zwischen Auferstehungskirche und Südstern unterbrechen ein Pflegeheim und ein Wohnheim die aus der Gründerzeit stammende Fassadenflucht. Sie bilden ein lebhaft bewegtes Ensemble, sind stark gestaffelt und scheinen sich bewusst von der Straße abzuwenden. Die Wohnseite richtet sich stattdessen nach Süden und Westen aus. Das Gebäudeensemble und die Grünflächen, die es umgeben, bilden eine organische Einheit. Offenbar folgen die Bauten einer eigenen Gesetzlichkeit, die der organischen Architektur Hans Scharouns, seiner Staatsbibliothek oder seiner Philharmonie am Berliner Kulturforum verwandt scheint. Anders als diese Ikonen der modernen Architektur werden die Bauten an der Blücherstraße jedoch eher achtlos verwaltet, vielleicht gar sich selbst überlassen. Für eine dringend notwendige Sanierung, die den Bauten gerecht würde, gibt es offenbar kein Geld. Allmählich verfallen sie, Instandhaltungen sind ohne Sinn für die Bausubstanz erfolgt. Im Frühjahr 2009 hat sich das Land Berlin entschlossen, eines der Gebäude, nämlich das Wohnheim, über den landeseigenen Liegenschaftsfonds zu verkaufen, und auf diese Weise einen geringen Gewinn zu erwirtschaften.
Heute ist weitgehend unbekannt, wie es zum Bau dieses Ensembles kam, welche Rolle das Land Berlin dabei spielte oder warum eines der Häuser heute noch den Namen „Heinrich-Plett-Haus“ trägt. Dabei birgt dieser Name den Schlüssel zum Verständnis der Bedeutung der Bauten.
Heinrich Plett war in den 50er Jahren Vorstand des gewerkschaftseigenen Wohnungskonzerns Neue Heimat, der in der Zeit des Wirtschaftswunders einen spektakulären Aufstieg nahm. In Rekordzeit wurde die Neue Heimat zum größten Wohnungsunternehmen Europas, sie errichtete beinahe überall in der Republik kleinere und in zunehmendem Maße auch große Wohnbauprojekte und prägte entscheidend den Wiederaufbau vieler zerstörter deutscher Städte. Siedlungen wie die Neue Vahr in Bremen mit 10.000 Wohneinheiten, geplant und erbaut innerhalb von vier Jahren, waren eindrucksvolle Markenzeichen dieses Wohnungskonzerns, der einen Teil seines Erfolges sicher dem Finanzgeschick seines Vorstandes Plett verdankte, als dieser im Jahr 1963 plötzlich verstarb. Berauscht von seinen Erfolgen sollte der Konzern in der Folge allmählich den Bezug zu seinen Wurzeln, dem sozialen Wohnungsbau für die „kleinen Leute“, verlieren, und schließlich durch Missmanagement und Korruption zu Beginn der 80er Jahre ein unrühmliches Ende nehmen. Eine umfassende kulturhistorische Aufarbeitung der Neuen Heimat und ihrer Rolle in der jungen Bundesrepublik stehen noch aus.
In den 50er Jahren hatte Plett den Architekten Ernst May zurück nach Deutschland geholt, dessen Name untrennbar mit dem Neuen Frankfurt, jenem kühnen Wohnungsbauprogramm der 20er Jahre verbunden war, der dann jedoch in die Sowjetunion und später nach Ostafrika emigriert war. Mit Ernst May, den seine Zeitgenossen Le Corbusier oder Mies van der Rohe seinerzeit bewundert hatten, weil jener schon hundertfach modernste Wohnungen baute, während sie selbst nur mühsam Bauherren fanden, holte sich Plett eine Ikone des modernen Wohnungsbaus an die Spitze seiner Planungsabteilung. Auch wenn May nur gerade einmal zwei Jahre im Konzern verblieb, ist ein Großteil seines noch weitgehend unbekannten Nachkriegswerks mit der Neuen Heimat verbunden, da er im Anschluss immer wieder Großaufträge für ganze Wohnsiedlungen erhalten sollte.
Als die Neue Heimat nun im Jahr 1963 innerhalb weniger Jahre 200.000 Wohnungen errichtet hatte, beschloss man, ein öffentlichkeitswirksames Signal zu setzen. Die Schlüsselübergabe der 200.000. Wohnung in der Siedlung Falkenhagener Feld in Berlin-Spandau wurde zu einem Medienereignis, und man kam überein, der Stadt Berlin zu diesem Anlass ein Wohnheim zu schenken, als Maßnahme gegen den Mangel an altengerechten Kleinwohnungen in der kurz zuvor geteilten Stadt. Als Architekt wurde abermals der bereits 77-jährige Ernst May ausgewählt. Gemeinsam mit einem benachbarten Altenpflegeheim entwarf er ein besonderes Ensemble, das sich sowohl in der Art seiner Wohnungen, als auch in seiner kompromisslos modernen städtebaulichen Haltung stark von seiner Umgebung abhob. Der Einfluss seines Freundes Hans Scharoun und seines Mitarbeiters Jürgen Baumbach, der wiederum ein Schüler Scharouns gewesen war, ist unverkennbar. Die Tatsache, dass der Bundespräsident Heinrich Lübke zum Baustellenbesuch anreiste, und der noch heute am Gebäude angebrachte Name „Heinrich-Plett-Haus“ sind ein Indiz für die Bedeutung, die die damalige Politik und die Neue Heimat selbst dem Wohnheim beimaßen.
Über den architektonischen Wert des 1967 fertig gestellten Ensembles kann man, zumal nach den Sanierungsversuchen und Umbauten der letzten Jahrzehnte, zunächst geteilter Meinung sein. Dennoch wird bei genauerem Hinsehen die Qualität dieser Bauten offenbar, die bei aller zeittypischen Bescheidenheit einen Optimismus und eine Zuversicht erahnen lassen, die unserer Zeit oft fehlt. Nachdem ein Erwerber einen Teilabriss plante, mit Arrondierung und Anpassung an die Blockkante mittels Hinzufügung neuer Baukörper, soll nun offenbar ein benachbartes Grundstück mit dem wertvollen Baumbestand, der gestalterisch untrennbar zu dem Ensemble gehört, dicht bebaut werden. So wird ein Dokument der Spätmoderne in dem an bedeutungsvoller Nachkriegsarchitektur nicht gerade reichen Bezirk Kreuzberg achtlos zerstört.
Es ist schade, wenn das Land Berlin und der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg es versäumen, dieses Geschenk, ein Alterswerk eines der bedeutendsten deutschen Architekten des 20. Jahrhunderts, angemessen zu schützen. Anfragen des Autors dieser Zeilen an das zuständige Landesdenkmalamt im Jahr 2009, eine Unterschutzstellung zu prüfen, wurden nie beantwortet. So wird eine unheilvolle Melange aus behördlicher Überlastung, Ignoranz und Gewinnstreben dem einzigen nennenswerten Bau des Architekten Ernst May in Berlin zum Verhängnis. In einigen Jahren schon wird man sich bestürzt fragen, wie so etwas möglich sein konnte.
Dr.- Ing. Florian Seidel, 02.12.2015

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