BLÜCHER 26 ausführlich aus: Seidel, Florian: Ernst May: Städtebau und Architektur in den Jahren 1954-1970, Berlin 2008

„90. Heinrich-Plett-Haus Berlin

 

(…) Beide Gebäude befinden sich auf einem Grundstück zwischen

Schleiermacherstraße, Blücherstraße und Baerwaldstraße in Berlin-

Kreuzberg. Ernst May schreibt 1969 über die Wahl des Bauplatzes:

„Die Lage der beiden Baublöcke in einer stark belebten Wohngegend

Kreuzbergs suchte den Fehler zu vermeiden, die alten Menschen in

irgendeinem isolierten Stadtteil abgeschlossen von dem pulsierenden

Alltagsleben der Stadt unterzubringen. Die alten Leute wollen Anteil

nehmen an dem lebendigen Leben der Stadt. Sie wollen andererseits

einen Freiraum zur Verfügung haben, der ihnen Ruhe in der freien

Natur gewährleistet. Das mit zahlreichen alten Bäumen bestandene

Grundstück erfüllte beide Bedingungen, und die Architekten

betrachteten es von Anbeginn als ihre Aufgabe, den Baumbestand

zu erhalten, der dann später von dem Gartenarchitekten Rossow

liebevoll in eine parkartige Gesamtanlage einbezogen wurde.“ Das

Baugelände ist an drei Seiten von gründerzeitlicher Blockbebauung

umgeben, südlich schließt sich ein ehemaliges Kasernengelände

an. May suchte den Kontrast zur gründerzeitlichen Bebauung: „Das

Altenwohnheim wie auch das Altenheim sind vorwiegend nach

Süden oder Südwesten orientiert, wodurch es möglich war, der

großen Mehrzahl der Wohnungen direkte Besonnung zu sichern,

eine psychologisch, gerade bei Altenwohnungen, besonders wichtige

Tatsache.“

(hier und im Folgenden: Seidel, Florian: Ernst May: Städtebau und Architektur in den Jahren 1954-1970, Berlin 2008, 149f, http://mediatum2.ub.tum.de/doc/635614/635614.pdf (Aufruf 5.11.15))

Fortsetzung siehe unten

 

***

66

5. Resümee

In Mays Werk steht nicht die Gestaltung im Vordergrund. May sieht

seine Rolle eher in der eines Managers oder eines Dirigenten, wie

er es selbst ausdrückt:

(…)

 

 

 

Fortsetzung: 90. Heinrich-Plett-Haus Berlin

 

Das Wohnheim sollte 105 Einbett- und 10 Zweibettzimmer aufweisen.

Am 16.11.1964 erfolgte die Grundsteinlegung des Wohnheims.

Die Bauten wurden in gestaffelter Hochbauweise ausgeführt und mit

Loggien ausgestattet, die in Anlehnung an die bekannten Ohrensessel

eine teilweise hochgeführte Schirmwand auf den Loggienbrüstung

erhielten, so daß man dort einen ruhigen Aufenthalt genießen kann,

der den Blick von außen abschirmt. Sie liegen durchweg auf der

Süd- bzw. Westseite des Baues. Ein Laubengang macht die einzelnen

Wohnungen zugänglich. Dieser ist mit einer Verglasung abgeschirmt,

die in ihrem oberen Teil normalerweise offen ist, aber bei Unwetter

oder kaltem Wetter geschlossen werden kann. So ist es möglich

gewesen, jeder Wohnung Querlüftung zu sichern.“

Zum äußeren Erscheinungsbild sagte May: „Das Äußere des Baues ist

durch weiße Bänder gekennzeichnet, die die Geschosse voneinander

abtrennen und die Betondecken nebst den Sturzbändern über den

Fenstern markieren. Die Oberfläche der Baukörper ist mit einem

dunkelviolettbraunen Putz versehen.“

Zur Ausstattung des Altenwohnheims äußert sich May wie folgt: „Die

Ausstattung der Räume besteht aus einer Bettnische, einer Küche,

einem kleinen Badezimmer sowie einem Garderobenraum, so daß die

Alten auf kleinstem Raume, durchschnittlich 25-27 qm Wohnfläche,

allen Komfort genießen, der ihnen das Leben in ihrem kleinen Heime

wohnlich gestaltet.

Neben diesen Individualräumen sind Gemeinschaftsräume in der

Größe von 160 qm vorgesehen sowie ein im Erdgeschoß gelegener

Bastelraum von 162 qm Größe, der der Beschäftigung der alten

Menschen dienen soll. Die Ausstattung und Bewirtschaftung dieses

Raumes ist der Sozialverwaltung des Bezirkes Kreuzberg überlassen.

Den Architekten schwebt eine Ausstattung derselben mit einigen

Hobelbänken, Sägetischen, einer Drechselmaschine und dergl. vor,

an der die Menschen in der Lage sind, produktive Arbeiten zu fertigen,

die ihrer speziellen Neigung entsprechen. Es kann nicht genug dafür

getan werden, um den Menschen das Gefühl zu nehmen, ihr Leben

sei zwecklos. Man sollte jede Bestrebung fördern, die dem Zwecke

dient, durch eine noch so unbedeutende Arbeit produktiv zu bleiben.“

Das Altenwohnheim in der Blücherstraße 26a besteht aus drei

Bauteilen: Zwei siebengeschossige Bauteile, von denen einer

nach Westen hin, zur Schleiermacherstraße, und einer um ein

halbes Geschoss zu diesem versetzt nach Süden orientiert ist,

und ein elfgeschossiger, turmartiger Bauteil, der den östlichen

Abschluss des Wohnheims bildet, und dessen die Konturen des

Turms überschreitendes Erdgeschoss den Haupteingangsbereich

und die Gemeinschaftsfunktionen aufnimmt. Der Bauteil an der

Schleiermacherstraße besitzt einen eigenen Eingangsbereich,

ist aber über ein gemeinsames Treppenhaus mit den anderen

Bauteilen verbunden. Die drei Bauteile formulieren durch ihre

Stellung zueinander im Norden eine Art Hofbereich, an dem sich die

Eingänge befinden. Hier sind auch einige Parkplätze für Bewohner

und Besucher vorgesehen. Die im mittleren Bauteil gelegenen

Wohnungen zu ebener Erde besitzen terrassenartige Freibereiche,

die durch lange Mauern mit schräger Oberkante voneinander

abgeschieden sind, wie sie auch bei Reihenhausentwürfen von May

auftreten. Alle übrigen Wohnungen besitzen „Ohrensessel“-Loggien.

Wie stets bei Mays Entwürfen wird auf die Privatheit des zur Wohnung

gehörenden Freibereichs großer Wert gelegt. Die Fassadengliederung

ist überwiegend horizontal, was durch die Geschoßbänder und

horizontale Fensterformate betont wird. Die drei Treppenhäuser

sind weiß verputzt und bilden vertikale Kontraste. Die schrägen

oberen Abschlüsse der Treppenhaustürme sind ein bei May häufig

wiederkehrendes Stilmittel. Das zweite Fluchttreppenhaus des Turmes

war von May im ursprünglichen Vorentwurf nicht vorgesehen; es

mußte auf Veranlassung der Feuerwehr hinzugefügt werden. Durch

die lebhafte Staffelung der Baukörper zueinander, sowohl in der Höhe

wie auch in der Stellung zueinander, und durch die Tiefenstaffelung

der fassaden ergibt sich ein sehr bewegtes, skulpturales Bild, das den

deutlichen Kontrast zur umgebenden gründerzeitlichen Bebauung

sucht. Die Erschließung erfolgt über einen Gang mit hochliegenden

Fenstern. Der Bauteil an der Schleiermacherstraße hat eine

Mittelgangerschließung. Die Wohnungen sind klein, besitzen jedoch

sämtlich eine eigene Küche oder Kochnische und ein eigens Bad, die

auf einer Seite der Wohneinheit zusammengefasst sind und in der

benachbarten Wohnung gespiegelt sind. Der Schlafbereich befindet

sich meist in einer Nische oder einem kleinen Schlafraum an der der

Fassade gegenüberliegenden Seite.

„Sowohl Altenwohnheim wie auch Altenpflegeheim sind an die

öffentliche Fernheizungsanlage angeschlossen. Der die Heime

umgebende Park ist reichlich mit Sitzgelegenheiten ausgestattet, um

den alten Leuten Muße und Erholung zu sichern.“

Nach Norden zur Blücherstraße hin gibt sich die Baugruppe

abweisend. Zwar sind hier die Eingänge gelegen, aber die eher

geschlossenen Fassaden, hinter denen sich überwiegend Nebenräume

und Erschließungsbereiche befinden, reagieren nicht auf die Straße.

Funktional orientieren sich die Gebäude endeutig on der Straße weg

nach Süden. Durch die starke Gliederung der Baukörper ergibt sich

eine „landschaftliche“ Assoziation, die auch durch den Einfluss von

Mays Mitarbeiter Jürgen Baumbach hervorgerufen sein mag, der

vor seiner Tätigkeit bei May ein Student Hans Scharouns in Berlin

gewesen war. Während des Baus der Wohnheime assoziierten sich

May und Baumbach in einem gemeinsamen Büro, „Prof. E. May

Dipl.-Ing. J. Baumbach Architekten Stadtplaner“.

Im Herbst 1965 besichtigte Bundespräsident Lübke den Rohbau des

Wohnheims, wie die „Neue Heimat Monatshefte“ berichten: „Der

Bundespräsident und seine Gattin informierten sich eingehend über

den Sinn und Zweck dieses Altenwohnheims. Sie besichtigten eine

Altenwohnung, die im Rohbau im Vorwege fertiggestellt worden

war. Die zweckmäßige Aufteilung der Wohnung und die sinnvolle

Einrichtung beeindruckten den Präsidenten und seine Gattin.“

Beide Heime wurden am 01.09.1967 ihrer Bestimmung übergeben.

Das Altenwohnheim erhielt den Namen „Heinrich-Plett-Haus“. Den

Eingang ziert eine Skulptur des Bildhauers Seff Weidl, der auch

die Skulptur und die Mosaikgestaltung im Eingangsbereich der

Hauptverwaltung der Neuen Heimat in Hamburg geschaffen hatte.

Beides ist ein Hinweis auf die Bedeutung, die die Neue Heimat diesem

Projekt beimaß.

Zustand:

Die Heime erhielten in der zweiten Hälfte der achtziger

Jahre einen Wärmeschutz durch aufgeklebte Polystyrolplatten. Dabei

wurde das Äußere der Bauten soweit wie möglich beibehalten. (…)

(Seidel, 149)

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