BLÜCHER 26: 12 Fragen an eine nachhaltige Stadtentwicklung

BAUPROJEKT „BLÜCHER 26“, KIEZERHALT UND STADTNATUR

 Sehr geehrte Damen und Herren,

zu dem oben Genannten habe ich folgende Fragen

insbesondere an das Stadtentwicklungsamt, an das Umwelt- und Naturschutzamt und an das Straßen- und Grünflächenamt:

1) Was ist die städtebauliche Begründung dafür, dass der Bauträger Blücher 26 Housing GmbH sein Bauvorhaben nicht auf dem von ihm erworbenen Grundstück verwirklichen kann?

2) Inwiefern ist die bisherige Planung nachhaltig? Welche sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Anforderungen haben hierbei Berücksichtigung gefunden? Im Detail:

3) Inwiefern wird im Kiez bei der gegenwärtigen Planung eine menschenwürdige Umwelt gesichert? Inwiefern werden die natürlichen Lebensgrundlagen geschützt?

Inwiefern wird der Klimaschutz gewährleistet

– mit Berücksichtigung der besonderen Lage Berlins: hinsichtlich des allgemeinen Klimawandels (erwarteter Anstieg der Durchschnittstemperatur um 2 °C

und cf. ‚Langjährige Entwicklung ausgewählter Klimaparameter (Ausgabe 2015)’, http://stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/umweltatlas/d413_13.htm

(Darin u.a. „Wie im Kapitel Ergebnisse der Stationsauswertungen beschrieben, steigt seit Jahrzehnten die Zahl der Hitzetage in Berlin an. Die Klimamodellierung durch WETTREG zeigt, dass in Zukunft dieser Anstieg sehr viel schneller von statten gehen wird.“)

– mit Berücksichtigung der besonderen Lage Friedrichshain-Kreuzbergs

mit dem im berlinweiten Vergleich aller Bezirke mit Abstand geringsten Gründflächenanteil (Kreuzberg/ Friedrichshain 323 ha, der nächstniedrige Bezirk ist Mitte mit 833 ha, Zahlen 12/ 2013) bei gleichzeitig vergleichsweise hoher Einwohnerdichte?

 

4) Inwiefern ist damit eine dem Wohl der Allgemeinheit dienende, sozial gerechte Bodennutzung gewährleistet? Inwiefern wurde beispielsweise die extreme Dichte der Bebauung der Gebäude Schleiermacher 3-6 mit Kleinsthinterhöfen, die außerdem (einige Meter über Traufhöhe ) durch eine Brandmauer des dahinterliegenden Gewerbehofensembles verschlossen sind, mit einbezogen? Und die überdurchschnittlich dichte Bebauung und Flächenversiegelung des Blocks zwischen Schleiermacher-/ Blücher-/Fürbringer-/ und Mittenwalderstraße?

Seiten- und Quergebäude sind seit 1918 bzw. 1925 verboten. Sind Merkmale einer inzwischen unzulässigen Bebauungsdichte aus der Vorkriegszeit geeignet als Teil einer Begründung für die hohe Dichte der geplanten Bebauung, auch wenn man den § 34 so auslegen kann?

 

5) Wurde vor dem Verkauf oder danach ein ökologisches Gutachten für das Grundstück im Kiezzusammenhang erstellt? Zumindest eine Baumstandserhebung vorgenommen (siehe Baumschutzverordnung) und in die architektonische Planung, die eventuellen Auflagen für den Bauträger (und wenn ja welche) und in die baurechtliche Prüfung von Anfang an mit einbezogen?

 

6) Inwiefern wurden dies alles einbeziehend Strategien zur Erzielung von Umweltgerechtigkeit in dem betroffenen Stadtquartier und seiner Stellung im Bezirk in die Planung mit einbezogen?

Laut Umweltatlas 2015 ist hier ein in drei der fünf Kernindikatorbereiche besonders belasteter Planungsraum betroffen.

„Friedrichshain-Kreuzberg als kleinster (20,2 km²) und am dichtesten besiedelter Bezirk Berlins mit knapp 245.000 Einwohnern, der geringsten Grünfläche je Einwohner von 7 m² (Treptow-Köpenick 388 m²) und den größten sozialen und gesundheitlichen Belastungen hat sich zum Ziel gesetzt, durch die Aktivitäten des Gesunde-Städte-Netzwerkes, der Lokalen Agenda 21 und der Sozialen Stadtentwicklung, die Lebensqualität im Bezirk zu verbessern.

Trotz niedrigstem Sozialindex Berlins, höchster Arbeitslosenrate, zweithöchstem Anteil an Sozialhilfeempfänger/-innen und Migrant(inn)en, Wohnungen mit hoher Belegungsdichte und den daraus resultierenden Problemen, verfügt der Bezirk über viele wertvolle Ressourcen. Hierzu zählen die reiche Projektelandschaft, die Vielfalt der Kulturen, das hohe Potenzial an Selbsthilfe, nachbarschaftliche Kiezstrukturen, gute Modelle von Stadtplanung und –entwicklung und eine lange Tradition der Bürgerbeteiligung.“ [1]

 

7) Inwiefern wurde das baukulturelle Ortsbild der Baerwald-/ Urban-/ Blücher-/ Schleiermacher-/ Mittenwalder-/ und Fürbringerstraße mit einbezogen in die Planungsvorhaben?

 

8) Inwiefern ist der Milieuschutz Bergmannstraße Nord für das Planungsvorhaben relevant?

 

9) Was genau wird als schützenswert erachtet an dem städte- und gartenbaulichen Ensemble, eine Gemeinschaftskonzeption und -planung zweier prominenter Stadtplaner und Architekten bzw. Garten- und Landschaftsplaner der Nachkriegszeit?

Sowohl Ernst May als noch mehr Walter Rossow waren ihrer Zeit voraus, was die Einbeziehung von Parametern der Stadtplanung angeht, die im Jahr 2015 selbstverständlich scheinen. In den 50/ 60er Jahren waren es noch Pionierleistungen, die May und Rossow in den Landschafts- und Städtebau eingebracht haben. Heute stehen dafür Begriffe wie: Nachhaltigkeit, Stadtnatur, Klimaschutz/ Klimawandel, Umweltgerechtigkeit, Stadtgrün und Gesundheit/svorsorge, etc. bis hin zu Partizipation und Inklusion.

 

– Welche Auflagen wurden vom Baukollegium oder von anderen Stellen hinsichtlich des Ernst-May-Gebäudes gemacht? Mit welcher Verbindlichkeit?

– Welche Auflagen wurden bezüglich der „parkartigen Gesamtanlage“ von Walter Rossow gemacht bzw. wurde sie in der Planungsdiskussion bisher mit in die Überlegungen und Abwägungen einbezogen?

 

Vergleiche dazu Ernst May über das Heinrich-Plett-Haus in der Blücher 26 (1969): „ …die Architekten betrachteten es von Anbeginn als ihre Aufgabe, den Baumbestand[2] („Das mit zahlreichen alten Bäumen bestandene Grundstück“ E. May) zu erhalten, der dann später von dem Gartenarchitekten Rossow liebevoll in eine parkartige Gesamtanlage einbezogen wurde.“[3]

 

10) War dem Bezirk (und damit auch dem Käufer) zum Zeitpunkt seiner Entscheidung, das Grundstück zu verkaufen, der Stellenwert des städtebaulichen Ensembles als einziges Ernst-May-Gebäude und als einzige Zusammenarbeit von Ernst May und Walter Rossow in Berlin, in seiner Repräsentativität für eine in entscheidenden stadtplanerischen Aspekten noch heute vorbildlichen Nachkriegsmoderne bekannt?

Wie steht er jetzt dazu?

Ergeben sich daraus baurechtliche oder stadtplanerische oder andere Konsequenzen?

 

11) Was ist die städtebauliche Begründung dafür, dass ein Stadtplatz einschließlich Spielplatz, also ein kieznaher, viel genutzter, für die Wohnqualität im Kiez entscheidender und singulärer Naherholungsraum, mit Bäumen, Büschen, Blumenrabatten, Sitzgelegenheiten und „Luft zum Atmen“ (v.a. im übertragenen Sinn) geopfert werden soll? Der noch im Besitz des Bezirkes ist (hoffentlich)? Die geplante teilweise Umwandlung dieser Stadtplatzeinheit in Baugrund würde die Wohn- und Umweltqualität des Kiezes drastisch beschneiden, weswegen inzwischen ca. 600 Kiezbewohner_innen auch mit ihrer Unterschrift gegen diese Umwandlung demonstrieren!

 

Was ist die inhaltliche Begründung dafür, dass der Spielplatz in eine Innenhofsituation verlegt werden soll, trotz der zahlreichen Einwände dagegen

– von den nutzenden Familien

– den Betreuungseinrichtungen des Quartiers (Kitas, Tagespflege, etc.), von denen entsprechende schriftliche Stellungnahmen vorliegen

– von Mitgliedern der Spielplatzkommission des Bezirks

– und weiteren Anwohner_innen?

Auch für dessen Nichtverlegung haben sich die o.g. Unterzeichner_innen ausgesprochen.

 

12) Welche öffentlichen und privaten Belange, auch zur Konfliktminimierung, und mit welcher Beteiligung öffentlicher und privater Stellen, wurden im Vorfeld des Verkaufs und in der bisherigen Planungsphase gegeneinander abgewogen?

 

 

 

[1] In: „Kiezdetektive – Kinderbeteiligung für eine gesunde und zukunftsfähige Stadt, https://www.berlin.de/ba-friedrichshain-kreuzberg/politik-und-verwaltung/service-und-organisationseinheiten/qualitaetsentwicklung-planung-und-koordination-des-oeffentlichen-gesundheitsdienstes/arbeitsgebiete/artikel.165165.php

[2] Ernst May, in: Seidel, Florian: Ernst May: Städtebau und Architektur in den Jahren 1954 – 1970, München 2008, 149.

[3] Ebd.

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